Was hat es mit Kreuzkölln auf sich?

Vom Berliner Hinterhof zum Trendquartier: Wie in keinem zweiten Kiez der Hauptstadt hat sich das Image Kreuzköllns in wenigen Jahren vollständig gewandelt. Wo sich vor zehn Jahren noch Drogenkriminalität, Jugendgewalt und hohe Arbeitslosenzahlen ganz wie zu Hause fühlten, dominiert heute idyllische Loungeatmosphäre. Noch 1997 betitelte der Spiegel Nordneukölln als „Deutschlands größtes Sozialamt“. Doch Kreuzkölln, wie der inoffizielle Stadtteil im Grenzgebiet Neukölln / Kreuzberg heute von Einheimischen wie Zugezogenen mehr oder weniger spöttisch genannt wird, hat einen Relaunch gemeistert, der selbst promovierte Stadtsoziologen staunen lässt. Szenebars in vormaligen Kohlenkellern, In-Clubs in runtergekommenen Industriebaracken und Nachwuchsdesigner in Ladenlokalen, in denen früher die Klamotten eher ausgezogen wurden.

Die Kreativen kommen

Kreuzkölln ist die neue Mitte. Angefangen hat der innerstädtische Wandlungsprozess mit dem Zuzug der Kreativen. Hohe Mieten und eine zunehmend verbürgerlichte Wohnbevölkerung vertrieben Künstler, Modemacher und Musiker zunehmend aus den angestammten Szenebezirken im Ostteil der Stadt. Fast über Nacht waren Mitte und Prenzlauer Berg, zumindest in den einschlägigen Kreisen, auf einmal out. Die Karawane der Kulturschaffenden verzichtete auf das „leise Servus“ und zog einfach weiter. In den Norden Neuköllns, dieser lockte mit günstigen Preisen, leer stehenden Ladeneinheiten, zumeist im Altbau, und guter Verkehrsanbindung. Kreuzkölln wurde zur neuen Heimat. Und ganz plötzlich verschwanden an den Ufern des Landwehrkanals die Junkies, die Obdachlosen und all die anderen Großstadtverlierer. In deren Domizile zogen Galerien, kleine Programmkinos, Ateliers. Gefolgt von den jungdynamischen Szenegastronomen und Clubbetreibern leitete vor allem die zahlungskräftige Mittelschicht, die wie einem Naturgesetz folgend der Berliner Szene hinterzieht, den kreuzköllner Strukturwandel ein.

Kreuzköllner Nächte sind lang

Das Geld fließt reichlich in Kreuzkölln. Nicht nur die im Wochentakt neu eröffnenden Kneipen, Bars und Cafés ziehen zahlungskräftige Kunden aus aller Welt an. Das Nachtleben: Die nicht abreißenden Ströme der Passanten, das Stimmengewirr in den Straßenkneipen im Sommer, die grellen Lichter der Clubs verwandeln die ehemals trostlosen Häuserzeilen in eine unendlich scheinende Partykulisse. Hier funktioniert Multikulti. Skandinavische Künstler, spanische Austauschstudenten, amerikanische Touristen treffen auf alteingesessene Deutsche und Türken. Eventkultur, die zunehmende Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit im gründerzeitlichen Ambiente vergegenwärtigen die Utopien der Stadtentwicklung. Der Stadtteil produziert Unmengen an Kreativ- und Dienstleistungsangeboten und schafft sich durch gekonnt inszenierte Hipness seinen eigenen Absatzmarkt. Und das Unglaubliche daran: es klappt.

Essen gehen, Tanzen, Feiern, Menschen treffen: einfach leben. Die Zutaten des kreuzköllner Flairs erinnern an das Prenzlauer Berg der 90er Jahre. Nur besser irgendwie.